In Raufarhöfn, einem der abgelegensten Dörfer Islands, knapp unter dem Polarkreis, befindet sich das Monument Arctic Henge (Heimskautsgerðið). Ähnlich wie die berühmte jungsteinzeitliche Anlage Stonehenge ist der Arctic Henge eine riesige Sonnenuhr, die darauf abzielt, die Sonnenstrahlen einzufangen, und über die Schatten die Tageszeit anzuzeigen. Unser langjähriger Katla Travel-Kunde Oliver Mummer hat sich auf Entdeckungstour im Nordosten Islands begeben.
Während meiner jährlichen Islandreise besuchte ich Raufarhöfn auf der Halbinsel Melrakkaslétta, eine Gegend, die abseits der üblichen Touristenrouten liegt. Aber seit einigen Jahren tut sich Besonderes im hohen Norden.

Der kleine Ort Raufarhöfn gehört zur Gemeinde Norðurþing im Nordosten von Island. Von Raufarhöfn sind es nur noch etwa 15 km bis zum nördlichsten Punkt des isländischen Festlands, Hraunhafnartangi (auf Deutsch: ‚Landzunge des Lavahafens‘).

Von Húsavík an der Küste entlang
Von Húsavík aus sind es etwa 130 km, die Straßen sind durchweg gut, man sollte mit 1½ Stunden Fahrzeit rechnen. Kommt man vom Mývatn, sollte man mit etwa zwei Stunden rechnen.

Von Húsavík folgt man der Straße 85 in nordöstlicher Richtung. Die Straße verläuft immer der Küste entlang, vorbei an Ásbyrgi, um kurz vor Kópasker nach Osten ins Innere der Halbinsel abzubiegen. An der Abzweigung der Straße 874 folgt man dieser dann nach Norden.

Der Name Raufarhöfn stammt von dem schmalen Sund, genannt Rauf (auf Deutsch ‚Spalt‘ oder ‚Riss‘), der sich zwischen der kleinen Insel Hólmur und der hügeligen Landzunge Höfði befindet. Raufarhöfn wird seit dem Mittelalter als Hafen genutzt und bereits in den isländischen Sagas erwähnt.
Raufarhöfn: Heringsboom und Niedergang
Bis zum Ende der 1960er Jahre war Raufarhöfn einer der bedeutendsten isländischen Exporthäfen für Hering. In den 1940er-Jahren waren dort etwa 2.000 Arbeiter beschäftigt und der Ort war der zweitbedeutendste in Island im Bezug auf Heringsfang.
Anfang 2023 hatte Raufarhöfn noch knapp 200 Einwohner. Der Ort bietet als Servicezentrum für die Umgebung unter anderem eine Bank, Tankstelle, ein Hotel, Restaurant sowie Kindergarten, Grundschule und ein Gesundheitszentrum. Weiterhin gibt es eine Sporthalle, ein Schwimmbad und einen Campingplatz.

Obwohl ich mein anvisiertes Ziel, den Arctic Henge, schon von Weitem sehen konnte, machte ich zunächst einen Abstecher auf die Halbinsel Höfði. Die Straße dorthin biegt ganz im Norden von Raufarhöfn nach rechts ab. Auf dem Weg passiert man die Kirche Raufarhafnarkirkja. Diese wurde von keinem Geringeren als von Islands Landesarchitekten Guðjón Samúelsson entworfen, 1928 erbaut und am 1. Januar 1929 geweiht.
Leuchtturm über dem Ort
Folgt man der Straße weiter, gelangt man nach einem Anstieg hinauf auf die Halbinsel mit dem Leuchtturm Raufarhafnarviti. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick über den Hafen, auf den Ort und in Umgebung.

Raufarhafnarviti wurde 1931 nach einem Entwurf des Ingenieurs Benedikt Jónasson erbaut. Der Leuchtturm besteht aus Beton mit einem zylindrischen schwedischen Leuchthaus. Er ist etwa 10 Meter hoch, was durch seine exponierte Lage auf dem Hügel völlig ausreichend ist. Bis 1963 wurde er mit Gas betrieben, dann wurde er elektrifiziert. Der ursprünglich weiße Turm wurde in den 1970er Jahren orangegelb gestrichen und strahlt im Orange der Mitternachtssonne besonders intensiv.
Arctic Henge: Spektakuläres Monument im Nordosten Islands
Doch nun ging es zu meinem eigentlichen Ziel, dem Arctic Henge. Wer nach Raufarhöfn kommt, kann die Steinbögen nicht übersehen, die eindrucksvoll auf dem Hügel Melrakkaás (Fuchshügel) über dem Ort aufragen.
Dort, knapp unter dem Polarkreis an einem der abgelegensten Orte Islands, wird seit einigen Jahren am Arctic Henge (auf Isländisch: ‚Heimskautsgerðið‘) gebaut. Der Arctic Henge stellt, ähnlich dem Monument Stonehenge, eine gewaltige Sonnenuhr dar, die Sonnenstrahlen einfangen und durch Schattenwurf die Tageszeit anzeigen soll.

Von dem gesamten Projekt sind im Moment fünf dominante Torbögen errichtet, alles Weitere wird die Zukunft bringen. Die ursprüngliche Idee für das Projekt stammt vom 2015 verstorbenen Erlingur Thoroddson, umgesetzt wird es nun vom Künstler Haukur Halldórsson. Erlingur Thoroddsons Idee lag ein Spiel mit der arktischen Mitternachtssonne und tageszeitabhängigen Licht- und Schattenwürfen zugrunde.

Arctic Henge: Spiel mit Sonne und Schatten
Die Hauptbestandteile sind ein steinerner Kreis von 50 Metern Durchmesser, in dessen Mitte eine 10 Meter hohe Vierfachsäule steht, sowie vier 6 Meter hohe Tore aus Basaltquadern, die die vier Himmelsrichtungen markieren. Die Vierfachsäule soll später mit einer Kristallkugel aus geschliffenem Prismenglas gekrönt werden, das das Sonnenlicht in seine Grundfarben aufspaltet.

Die Öffnungen zwischen den Säulen zeigen in die Haupthimmelsrichtungen, so dass man beispielsweise die Mitternachtssonne vom Südtor durch die mittlere Säule und gleichzeitig das Nordtor sehen kann. Zwischen den Toren soll eine hohe Mauer mit kleinen Öffnungen im oberen Bereich errichtet werden. Diese Öffnungen lassen die Sonnenstrahlen herein und bilden nach der Fertigstellung des Projektes eine riesige Sonnenuhr.

68 kleinere Steine sollen einen inneren Kreis vollenden. Und hier kommt dann auch die nordische Mythologie ins Spiel. Laut Edda besteht der Kosmos aus neun Welten, eine davon die Welt der Zwerge. Die 68 Steine und vier Tore stehen für die 72 Zwerge aus dem eddischen Gedicht Völuspá (Prophezeiung der Seherin).
Die vier äußeren Tore stehen für die Zwerge Austri (Ost), Vestri (West), Norðri (Nord) und Suðri (Süd), die gemeinsam den Himmel tragen. Zusammen mit den anderen Steinen bilden sie einen Jahreskreis von 72 Wochen, in dem jeder Zwerg einen Zeitraum von fünf Tagen kontrolliert.

Monumentales Projekt in finanziellen Zwängen
Innerhalb des Steinkreises plant man einen Polarsternzeiger, der genau das tun soll, was sein Name vermuten lässt. Weiterhin soll es einen Sonnenthron geben, der als Platz gedacht ist, an dem der Reisende sich setzen und fotografieren lassen kann. Außerdem ist eine Strahlenhalle geplant, eine Art Heiligtum zwischen hohen Säulen mit einem Sitz, auf dem der Gast seinen Geist leeren und seine Energie erneuern kann. Ein Altar aus Feuer und Wasser soll an die Kraft der Elemente erinnern und Möglichkeiten für Veranstaltungen wie Hochzeiten usw. bieten.

Zurzeit ist vieles noch Zukunftsmusik. Ausgehobene Gräben und bereitliegende Kabel zeugten von der bevorstehenden Installation einer Beleuchtung. Hier wird sicherlich immer das errichtet, was die finanziellen Mittel gerade zulassen.
Ich hätte theoretisch die Gelegenheit gehabt, das Spiel der Mitternachtssonne sehen zu können, denn ich war am 21. Juni dort. Leider sollte der am Mittag noch fast klare Himmel später aber zuziehen.

Dennoch finde ich, dass der Arctic Henge und Raufarhöfn selbst einen Besuch lohnen. Vielleicht nicht gleich bei der ersten Islandrundreise, wo sich der Tourist meist an den großen Sehenswürdigkeiten entlang der Ringstraße orientiert. Aber vielen geht es sicherlich wie mir: Wer einmal auf Island war, kommt wieder!
Fotos: Thomas Linkel (5), Oliver Mummer (4 ), flickr.com: NORDIC/COLD (2), Barry Marsh (1), unsplash: paddle north (1)
Text: Oliver Mummer*; (Thomas Linkel)
*Islandzauber.de ist eine sehr persönliche Blog-Website von Oliver Mummer, die sich der Faszination und Vielfalt Islands widmet. Hier findet ihr:
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