„Unter weitem Himmel“ ist ein packendes, stimmungsvolles Buch über Island, Frankreich und das, was Menschen wirklich verbindet – und über Fáskrúðsfjörður, einen Ort in den Ostfjorden, der im Roman wie in Wirklichkeit überrascht.
Stellen Sie sich vor, Sie unternehmen mit dem Mietwagen eine Rundreise in Island. Sie haben die spektakuläre Gletscherlagune Jökulsárlón an der Südküste besucht, in Höfn, dem Tor zur Gletscherwelt, den Blick auf den Vatnajökull genossen und auf der Halbinsel Stokksnes das beeindruckende Vestrahorn bestaunt. Ab jetzt werden die Berge steiler, die Küste wird zerklüfteter. In die Ostfjorde ist es nicht mehr weit.

Vielleicht machen Sie während der kurvenreichen Weiterfahrt noch andere Zwischenstopps, essen in Djúpivogur Fish & Chips im Hafið Bistro, das seinen Kabeljau aus der lokalen Fischfabrik Búlandstindur bezieht, oder statten dem markanten, orangefarbenen Leuchtturm Kambanesviti zwischen den kleinen Fischerorten Stöðvarfjörður und Breiðdalsvík einen Besuch ab.

Dann, 50 Kilometer vor Egilsstaðir fahren Sie durch Fáskrúðsfjörður, wo Ihnen – falls Sie sich im Vorfeld nicht mit dem Ort beschäftigt haben – etwas Ungewöhnliches auffällt und Sie überrascht: Die Straßenschilder sind zweisprachig, auf Isländisch und Französisch. Die Straße zum Hafen heißt nicht nur „Hafnargata“, sondern auch „Rue du Port“. Dezentes Frankreich-Flair liegt in der Luft, mitten in den isländischen Ostfjorden. Aber warum ist das so?

Die kurze Antwort: Vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg fischten Tausende französische Seeleute vor Island Kabeljau – und das 1880 gegründete Fáskrúðsfjörður war ihr wichtigster Stützpunkt. Viele kamen in Stürmen ums Leben – 49 französische und belgische Seeleute ruhen auf dem Friedhof am Ortsrand. An diese Verbindung erinnern bis heute die zweisprachigen Straßenschilder. Partnerstadt von Fáskrúðsfjörður ist das nordfranzösische Gravelines.

1903 entstand in Fáskrúðsfjörður ein französisches Krankenhaus. Gebaut und bezahlt wurde es von der französischen Gesellschaft „Société des hôpitaux français d’Islande“, die auch in Reykjavík und auf den Westmännerinseln Kliniken eröffnete. Das Krankenhaus hatte 17 Betten, war für damalige Verhältnisse modern ausgestattet und behandelte neben kranken und verletzten Seeleuten aus Frankreich und Belgien auch Isländer aus der Gegend. Mit dem Ende der französischen Islandfischerei hatte das Krankenhaus ausgedient. 1939 wurde das Gebäude zerlegt, auf der gegenüberliegenden Landzunge Hafnarnes wieder aufgebaut und dort als Wohnhaus mit fünf Wohnungen und einer Schule genutzt. 1964 zogen die letzten Bewohner aus, danach verfiel das Gebäude jahrzehntelang.

Erst über 40 Jahre später plante die Denkmalstiftung Minjavernd die Rückkehr des Gebäudes und untersuchte es. 2011 wurden die Gebäudereste zurück nach Fáskrúðsfjörður gebracht und dort originalgetreu rekonstruiert. Heute sind darin das Fosshótel Austfirðir, das Restaurant „l’Abri“ mit französisch inspirierter Küche, und ein Museum untergebracht, das an die französischen Fischer erinnert, die einst die Gegend prägten. Jedes Jahr Ende Juli feiert der Ort die „Franskir dagar“, die „Französischen Tage“, und gedenkt der ertrunkenen Fischer.


Natürlich können Sie noch viel mehr über die Verbindung zwischen Island und Frankreich erfahren, wenn Sie im Internet recherchieren. Sie können es sich aber auch vor oder während Ihres Island-Urlaubs gemütlich machen und den Roman „Unter weitem Himmel“ von Berit Glanz lesen. Über ein Jahrhundert nach dem berühmten Roman „Islandfischer“ von Pierre Loti (1886) hat sich die Autorin des spannenden Themas wieder angenommen und daraus eine mitreißende Geschichte gemacht, die zwei Zeitebenen und die Schicksale mehrerer Menschen geschickt miteinander verwebt.

Da ist zum einen der französische Fischer Olier, der 1906 mit der französischen Flotte zum Kabeljaufang nach Island fährt. Im Krankenhaus in Fáskrúðsfjörður begegnet er der jungen Isländerin Sólrún, die dort als Krankenschwester arbeitet – zwischen beiden entsteht eine Liebe über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. 2024 forscht die deutsche Genetikerin Maris in Island an einer Schafschimäre. Auf einem abgelegenen Hof entdeckt sie Sólrúns Tagebuch und stößt dabei auf familiäre Verbindungen, die ihr eigenes Leben mit der Geschichte von Olier und Sólrún verknüpfen. „Unter weitem Himmel“ liefert neben spannenden Lebensgeschichten auch interessante Einblicke in die Geschichte der Seefahrt – und ganz nebenbei wird klar, warum nicht alle Isländer blond und blauäugig sind, sondern es hin und wieder auch dunkelhaarige mit braunen Augen gibt … 🙂

Von Fáskrúðsfjörður in das deutlich größere Egilsstaðir, die Hauptstadt von Islands Osten, sind es dann noch etwa 45 Autominuten. Dort ist deutlich mehr los als in dem kleinen Fischerort, in dem sich einst die Schicksale von Menschen aus Island und Frankreich kreuzten – aber im Gedächtnis bleibt dieser kleine Fleck Erde allemal.
Viel Freude beim Lesen, Reisen, Entdecken und Erfahren!
Bilder: Thomas Linkel (1), Joseph Corl/Unsplash (1), Fabian Krueger / iStock (1), Visit Austurland (3)
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