Schafabtrieb auf Island: Abenteuer mit Tradition

Schon seit Islands Landnahme (zwischen ca. 870 bis 930) durchstreifen runde, wollige Schafe die Weiden und Hochebenen des Landes. Mitgebracht von den ersten Siedlern, haben die Vierbeiner über Jahrhunderte eine wichtige Rolle für das Überleben der Inselbewohner gespielt. Das Land war karg, die Lebensbedingungen bescheiden, und für die Bauernnation im Norden war jede Nahrungsquelle wichtig. Die Schafe lieferten Fleisch zum Verzehr sowie Wolle für Textilien. Dadurch waren sie für die Menschen unentbehrlich.

Im letzten Jahrhundert hat sich aber sehr viel in Island verändert; sowohl die Lebensbedingungen und die Arbeitsmöglichkeiten der Inselbewohner als auch deren Ernährung und Essgewohnheiten. Alles ist vielfältiger geworden, und die Isländer kann man kaum mehr als eine „Bauernnation“ betrachten. Dennoch gibt es sie noch, die naturverbundenen Landwirte und die wolligen Schafe – und vor allem im Frühling, Sommer und Herbst prägen die runden Vierbeiner das Erscheinungsbild der Insel.

Glücklicher Schafsbock in Island
Glücklicher Schafbock in Island.

Schafe in Island: Im Mai kommen die Lämmer!

Frühlingszeit ist Lämmerzeit! Im Mai verwandelt sich das Leben der Schafbauern zum 24-Stunden-Hebammendienst. In der Regel sind die Schafe zu dieser Zeit noch im Stall, da es draußen recht kalt sein kann und die Weidemöglichkeiten noch begrenzt sind. Die Geburt findet daher drinnen im Warmen und Geborgenen statt. Für den Bauer wird dadurch die Arbeit um einiges angenehmer – vor allem aber wird es somit leichter, eine gute Übersicht zu bewahren. Und das kann unter Umständen lebenswichtig sein: Der diensthabende Geburtshelfer muss ständig wachsam sein. Er muss die Herde beobachten, die ersten Zeichen einer bevorstehenden Geburt wahrnehmen und das werdende Mutterschaf vom Rest der Gruppe trennen. Bei Komplikationen muss er bei der Geburt eingreifen und nach der Geburt muss er sicherstellen, dass die Neugeborenen gesund sind und problemlos Milch trinken können. Außerdem muss er Medikamente verabreichen, die Geburts-Buchhaltung aktualisieren, die Lämmer markieren, Futter und Wasser verteilen und vor allem schauen, ob die Lämmer und die Mutterschafe sich kräftig und munter weiterentwickeln.

Gruppenbild mit Lämmern: Mutterschaf und einige Kleine.

Lämmerzeit: Intensiv, anstrengend – und wunderschön

Die Lämmerzeit ist eine enorm intensive Phase. Die Arbeit hört nie auf, kein anderes Thema hat eine annähernd ähnliche Wichtigkeit. Schlaf und Mahlzeiten spielen eine minimale Nebenrolle. Die Arbeit kann kompliziert und schwierig sein, manchmal auch traurig, aber vor allem gibt es viele wunderschöne Momente. Zu beobachten, wie ein neues Leben auf die Welt kommt, dessen Vulnerabilität, die Zuneigung der Mutter, die schnelle Entwicklung der Kleinen. Wie fröhlich sie sein können, wie neugierig, verspielt und flink. Und wie toll das Gefühl eines kleinen, weichen und warmen Bündels in den Armen ist. Wunderschön ist das!

Raus aus dem Stall, rauf auf die Hochebene

Schnell ist es aber so weit: Wenn die Lämmer ca. zehn Tage alt sind, verlassen die Mutterschafe und die Kleinen den vertrauten Stall. Die erste Zeit draußen verbringen die Tiere auf den Wiesen in der Nähe des Hofes. Danach geht es aber weiter, auf die Hochebenen und in die Berge. Rund zwei Monate durchstreifen die Schafe das Hochland; nicht als Herde und nicht in der Begleitung eines Schäfers, sondern meist als „Dreierpack“: Mutterschaf und zwei Nachwuchsschafe. Die erwachsenen Tiere kennen sich bereits aus. Sie wissen, wo sich der Durst am besten stillen lässt, das saftigste Gras wächst und sich wohlschmeckende Kräuter finden. In sicherer Begleitung gedeihen und entwickeln sich die Lämmer schnell. Für alle Beteiligten ist es die absolute Freiheit!

Absolute Freiheit: Den Sommer verbingen Islands Schafe auf Hochebenen und in den Bergen.

„Göngur“ – das Zusammentreiben der Schafe

Ende August kündigt sich aber der Herbst an. Die Blätter der Büsche färben sich, die Tage werden kühler und die Abende dunkler. Es wird Zeit für die Heimkehr. Freiwillig passiert das aber nicht! Auf den Höfen machen sich die Bauern für das Zusammentreiben der Schafe bereit. „Göngur“ nennt man das. Pläne werden besprochen, Brotzeiten gepackt, Schlafsäcke aus den Schränken geholt sowie warme, wasserdichte Kleidung. Draußen werden die Hufeisen der Pferde kontrolliert, die Satteltaschen befestigt und die Fahrzeuge vollgetankt. Die Stimmung ist gut. Man freut sich; auf die Berge, auf die Gesellschaft der anderen, auf die Schafe. Hofft auf gutes Wetter, bloß kein Regen, bloß kein Nebel! Und dann geht es los: auf robusten Pferden, mit bunten Pickups oder sogar geländetauglichen Motorrädern und Quads. Zu Fuß geht’s auch – eben ein bisschen langsamer …

Pferde, Pickups, Motorräder, Quads oder zu Fuß: Schafe zusammentreiben geht auf vielerlei Art.

Berge, Lavafelder, grüne Oasen: Die Lieblingsplätze der Schafe

Je nach Gebiet dauert das Suchen und Zusammentreiben ein bis drei Tage. Geschlafen wird in einfachen Berghütten, gegessen meist im Freien. Als Team ist man unterwegs, achtet auf einander und auf die Tiere. Die Bauern kennen ihr Land; die schroffen Berge und die rauen Lavafelder, die Flüsse und die Bergseen sowie die kleinen, versteckten, grünen Oasen. Die Lieblingsorte der Vierbeiner. Nach und nach wird die Herde größer, und die Gruppe von Menschen und Tieren begibt sich langsam auf den Weg Richtung Heimat.

Empfangen wird die weitgereiste und erschöpfte Flotte von Jung und Alt. Jeder, der nicht in die Berge gegangen ist, kommt zum Empfang. Man hält Ausschau nach den kleinen Lieblingslämmern vom Frühling, die jetzt aber kaum wiederzuerkennen sind. Die meisten sind so groß geworden! Man erzählt sich Geschichten, berichtet, wie das Zusammentreiben in den Bergen gelaufen ist. Es wird sogar gesungen! Aber die Herde ist müde, die Sucher auch. Man gönnt sich eine wohlverdiente Pause. Erst am nächsten Morgen geht es weiter.

Die Gruppe von Menschen und Tieren begibt sich langsam auf den Weg Richtung Heimat.

Wo ist mein Vierbeiner? Schaf-Sortieren beim „Réttir“

Dann gibt es „Réttir“, das Ereignis, bei dem jeder Bauer seine Schafe aus der gesamten Herde sortieren muss: In einem runden Pferch in der Mitte werden zunächst alle Tiere versammelt. Von diesem Pferch gehen wiederum kleinere Gehege strahlenförmig ab, sodass das Ganze von oben aussieht wie eine Torte mit einzelnen Stücken. Jedem Bauern wird ein „Tortenstück“ zugewiesen, in das er seine Schafe treiben soll. Da die Vierbeiner alle an den Ohren markiert sind, geht das Ganze recht gut. Viele Bauern erkennen ihre Schafe auch „einfach so“. An der dunkelgrauen Farbe, an der schmalen Schnauze, an der aufrechten, stolzen Haltung: „Das ist doch die Grána. Das sieht man doch! Wie groß ihre Lämmer jetzt geworden sind!“ Wenn alles vorbei ist und jeder Bauer seine Schafe zusammen hat, geht es wieder los; zu Fuß, diese letzte Strecke, bis zum Hof und dem vertrauten, warmen Stall.

Gehörst du zu mir?” Beim „Réttir“ sucht jeder Besitzer nach seinen Schafen.

Heimkehr im Herbst, wenn der Nordwind lauert

Und so ist es gut, weil der Herbst schon da ist. Noch ist der Himmel wolkenlos, die Farben so schön intensiv, der Duft des Heidekrautes so frisch. Hinter der nächsten Ecke lauert aber schon die Kälte in der Luft, der Nordwind sammelt wieder seine Kräfte und keiner weiß, wie lange es dauert bis zum ersten Herbststurm.

So ist es halt in Island –  bei den Landwirten und ihren runden, wolligen und liebenswerten Schafen …

 

Autorin: Aldís Birna Björnsdóttir

Fotos: Aldís Birna Björnsdóttir, Soffía Björnsdóttir, Meike Fieger, Christof Völksen

 

Regelmäßig Updates über Island erhalten

Möchten Sie weitere Artikel über Island lesen und gut informiert bleiben? Dann abonnieren Sie einfach unseren Blog.

Wir informieren Sie regelmäßig über

  • Feste
  • Neuigkeiten
  • Traditionen
  • Reisetipps
  • und Sonderangebote

Bei Veröffentlichung neuer Blogartikel erhalten Sie eine Nachricht an die angegebene E-Mail-Adresse. Mit dem Absenden erklären Sie sich mit unseren Datenschutzbestimmungen einverstanden.