Der Poet aus den Westfjorden

Ein Zufallsbesuch bei Dichter Steinn Steinarr im „Steinshús“

Das Straßenschild sieht anders aus als die meisten hier, also halten wir kurz entschlossen am Rand der Straße 61 Richtung Hólmavik an, um es besser sehen zu können. „Steinshús 4 KM“, steht da, daneben blickt uns ein unbekannter Mann schwarzweiß und schwermütig entgegen. Seine Haare sind sanft gewellt, die Geheimratsecken ausgeprägt. Spontan verlassen wir die Hauptstraße und biegen auf den unasphaltierten Fahrweg 635 (Snæfjallastrandarvegur) ab. Wieso auch nicht. Wir haben Urlaub und Zeit, der geheimnisvolle Mann sieht interessant aus und die Landschaft hier in den Westfjorden ist nahezu überall atemberaubend, auch bei trübem Wetter wie heute.

Kaffee, Kuchen – und Kultur

Nach kurzer Zeit passieren wir eine Kirche, ihr Dach leuchtet rot vor dem grauen Meer und dem wolkenverhangenen Himmel. Wenige später taucht rechts ein weißes Haus auf, an seinem Giebel prangt der Schriftzug: „Steinshús“. „Ein Café“, sage ich und zeige auf das Schild am Eingang, das „kaffi og kökur“ verspricht. Als wir auf den Eingang zugehen, beginnt es zu regnen. Im Inneren des Hauses empfangen uns Wärme und der Duft nach frischen Waffeln. Links steht eine Theke, rechts ein Tisch mit Stühlen, vor uns befinden sich zahlreiche Stellwände. Denn das „Steinshús“ ist nicht in erster Linie ein Café, sondern eine Ausstellung, die dem Lyriker Steinn Steinarr gewidmet ist

 

Vom Bauernsohn zum einflussreichsten Dichter Islands

2015 wurde die Dauerausstellung in Zusammenarbeit mit der National- und Universitätsbibliothek Island eröffnet. Sie zeigt – auf Isländisch und Englisch – das bewegende Leben Steinarrs, der 1908 knapp siebzig Kilometer südlich von hier, in Strandabyggð, als Aðalsteinn Kristmundsson geboren wurde. Seine Eltern waren Bauern und so arm, dass die Behörden beschlossen, die drei ältesten Kinder zur Adoption freizugeben. Der Rest der Familie kam auf eine Hof an der Westküste – nur der kleine „Alli“ blieb auf dem Hof zurück. Seinen beschwerlichen Werdegang zum einflussreichsten Dichter Islands zeigt die Ausstellung in eindrucksvollen Bildern und Texten und mit vielen Originaldokumenten.

 

„Wie eine lange, lange Reise …“

Am Ende der Ausstellung trinken wir Kaffee, essen Waffeln und Kuchen, blättern in den alten Ausgaben von „National Geographic“, die sich im Regal stapeln, und lauschen dem Lied aus dem Plattenspieler, eine isländische Version von „What shall we do with the drunken sailor?“. Regen trommelt leise gegen das Fenster.

Im Auto nehme ich das Handy und suche nach Gedichten von Steinn Steinarr. Auf dem Blog Wortspiele (der übrigens jedem zu empfehlen ist, der sich für isländische Literatur interessiert), stoße ich auf „Weißes Pferd im Mondschein“. Es ist ein schön-schauriges, ein melancholisches Gedicht und passt zum Leben Steinarrs, der viel zu früh, im Alter von 47 Jahren, verstarb. Hier die letzten zwei Strophen:

Wie eine lange, lange Reise
auf einem leinenweißen Ross
ist des Menschen Sein.

Und das Wissen um den Tod hält sich
mit gespitzten Fingern
an seiner Mähne fest.

(Übersetzung: Franz Gíslason und Wolfgang Schiffer)

 

PS: Das Steinshús ist von Mai bis August täglich von 10–20 Uhr geöffnet. Jetzt also sofort auf die Reiseliste 2018 setzen! Wenn das Wetter besser ist als bei uns, kann man nach dem Kulturgenuss seine Waffel auf der Terrasse essen. Das sieht dann so aus:

Foto: Steinshús Facebookseite

Steinshús, Nauteyri, 512 Hólmavík, steinshus@steinnsteinarr.is