Frühling in Island: Die Zugvögel kommen

Nach den langen kalten und dunklen Wintermonaten warten die Bewohner Islands sehnsüchtig auf den Frühlingsanfang. Auf mildere Temperaturen, zunehmende Helligkeit und die ersten Pflanzen, die sich vorsichtig aus der Erde wagen und die Köpfe Richtung Himmel strecken.

Bei vielen Isländern sind aber die Zugvögel die beliebtesten Frühlingsboten und absolut unentbehrlich. Aus wärmeren Ländern machen sich die Vögel auf den langen Weg über das offene Meer, zurück in den Norden, um dort ihre Nester zu bauen und ihre Jungen zu bekommen. Sei es der Goldregenpfeifer, die Küstenseeschwalbe, die Singschwäne oder die Grau- und Kurzschnabelgänse. Alle bedeuten für die Isländer das Gleiche: Der Frühling kommt!

Typisch für den isländischen Frühlingsanfang ist das Eintreffen der Gänse. In großen Gruppen verlassen die Vögel ihre Winterheimaten in Schottland, Nord-England, Norwegen und Holland und überqueren den Atlantischen Ozean, um auf der nordischen Insel die hellen Sommermonate zu verbringen.

Bereits im April oder Anfang Mai kommen die Gänse an und verbringen dann gerne die erste Zeit in großen Scharen auf Wiesen und Feldern. Anschließend verteilen sie sich paarweise, um geeignete Plätze für den Nestbau zu finden. Dabei bevorzugen die Graugänse das niedrigere Flachland, die Kurzschnabelgänse dagegen das Hochland oder die Heidenlandschaft.

In der Regel sind Gänse lebenslang monogam und oft suchen die jeweiligen Pärchen immer wieder die gleichen Nestgebiete auf, sogar das gleiche Nest, um genau dort ihre Eier zu legen und ihre Jungen zu bekommen. Meist sind das abgeschiedene Gebiete in der Umgebung von Seen oder Flüssen, mit üppiger Vegetation, saftigen Gräsern und bunten Beeren. Oft legen Graugänse vier bis sieben große, weiße Eier, während Kurzschnabelgänse meist nur etwa vier bis fünf Eier legen.

In früheren Zeiten als das Essen in Island oft knapp war und jede Nahrungsquelle gezählt hat, war es üblich, nicht nur im Frühling Gänseeier zu sammeln, sondern auch später im Sommer die Gänse zusammenzutreiben, zu schlachten und über die Wintermonate zu essen.

Typisch isländisch: Wildgans mit Wildpilzsoße

Heute haben sich die Lebensumstände der Isländer sehr zum Besseren verändert und dementsprechend auch die Essgewohnheiten. Dennoch ist die Gans weiterhin ein wichtiger Teil der isländischen Esskultur geblieben. In den ländlicheren Gebieten werden Gänseeier nach wie vor im Frühling gesammelt und zu Hause als gekochte Eier oder Spiegeleier gegessen, für Omeletts verwendet oder sogar für das Kuchenbacken.

Im Herbst werden dann die Gänse gejagt, und in den isländischen Küchen entstehen köstliche Kreationen, wie gegrilltes Brustfilet der Wildgans mit Blauschimmelkäse, gebratene Wildgans mit Wildpilzsoße oder Graved-Gans mit Blaubeeren und wildem Thymian!

Selbstverständlich unterliegt aber die Sammlung von Gänseeiern sowie die Jagd auf Gänse strengen Regeln und Gesetzen. Somit bleibt sicher, dass die Population der Wildgänse in Island stabil und im gesunden Gleichgewicht bleibt. Eine daraus resultierende positive Entwicklung ist die stetige Populationssteigerung der Wildgänse.

Größenvergleich: Links das Ei einer Gans, rechts ein Hühnerei.

Im Spätherbst ist es dann wieder so weit: Die Tage werden kürzer, die Temperaturen niedriger, die jungen Gänse immer sicherer beim Fliegen und die versammelten Gänse-Scharen stets größer. Im Oktober/November verlassen die Gänse schließlich die einsame Insel im Nordatlantik und fliegen in die Winterheimat. Zurück bleiben die Isländer, dankbar für die warmen Lichtstrahlen des Sommers, für die grünen Farben der Natur – und die sommerlichen Besucher, die auch im nächsten Frühling freudig erwartet werden.

 

Autorin: Aldís Birna Björnsdóttir

Fotos: Aldís Birna Björnsdóttir (2), Gunnlaugur Hafsteinsson (1), Johan Wieland (2)