Jóna Fríða: Von der Friseurin zur Fischerin

Sie sitzt mir gegenüber; eine schlanke, schöne, dunkelhaarige Frau. Die Wangenknochen markant, die Augen blaugrau und mandelförmig, das Lächeln herzlich. Zwischen uns, auf einem verschlissenen Holztisch, stehen eine blaue, mit Pralinen gefüllte Keramikschale und brühend heißer Kaffee in großen Bechern.

Mit 13 Jahren wusste ich, dass ich Friseurin sein wollte. Für mich war es der absolute Traumberuf! Mit 21 Jahren hatte ich meine Berufsausbildung abgeschlossen und zwei Monate später hatte ich meinen eigenen Salon. Es war eine aufregende Zeit. Ich habe interessante Leute kennengelernt, treue Stammkunden gewonnen und mich beruflich weiterentwickelt.

Nachdenklich schaut meine Gesprächspartnerin aus dem Fenster. Beobachtet gedankenversunken die stets wechselnden Wolken am Himmel. Nach einer Weile schaut sie wieder zu mir hinüber und nimmt dabei einen Schluck Kaffee.

Irgendwann habe ich dann eine gewisse Müdigkeit gespürt. Die Begeisterung war einfach nicht mehr da. Ich habe meinen Job gemacht und jeden Tag mein Bestes gegeben. Aber immer öfter ohne Freude. Und ich habe mir nicht vorstellen können, diesen Beruf für den Rest meines Lebens auszuüben. 18 Jahre habe ich als Friseuse gearbeitet. Dann habe ich mich neu entschieden.

Seit sechs Jahren arbeite ich jetzt an der Seite meines Mannes. Zusammen haben wir eine kleine Firma mit drei Fischerbooten. Dabei ist er der Fischer und ich kümmere mich um die Arbeit, die am Land gemacht werden muss. Ich flicke und bereite die Netze vor, ich erledige die Aufgaben am Hafen und verarbeite zum Teil den Fang.

Ein Leben am Meer

Der Familie meines Mannes gehört auch ein Stuck Land, direkt an der Küste. Dort bauen im Sommer die Eiderenten ihre Nester auf und brüten. Zu unserer Arbeit gehört es auch, uns um die Enten zu kümmern. Regelmäßig kontrollieren wir das Gebiet, schauen nach dem Rechten und halten Raubvögeln, Nerz und Fuchs fern. Wir sammeln die Eiderdaune, trocknen den Daunen und kümmern uns um die Grobsäuberung. Drei- bis viertausend Nester müssten das ungefähr sein und am Ende gibt das Gebiet ca. 60 bis 75 Kilos Eiderdaunen.

Strahlend und energisch erzählt die Frau auf der anderen Tischseite von Fischerbooten, Fangquoten, Haifischen, Hafenarbeit, dem Kampf gegen aggressive Raubtieren und Kontrollgängen zwischen friedlichen Eiderenten.

Ich liebe die isländische Natur

Ich liebe das einfach! Diese Nähe zur Natur! Die frische Luft, den Wind und das Meer, die Sonne, die Wolken, den Schnee. Die Tiere. Die Freiheit. Die Arbeit, die sich je nach Jahreszeit verändert. Alles ohne Uhr. Und ich liebe es, neben meinem Mann zu arbeiten … Ich bin so froh, dass ich den Mut hatte, mein Leben zu verändern, etwas Neues auszuprobieren. Ich bin einfach glücklich!

Und hier sitze ich, mit kaltem Kaffee in meinem Becher, und schaue mir mit Bewunderung diese Frau an. Obwohl ich selbst schon öfter bei ihr im Friseurstuhl gesessen und im Spiegel beobachtet habe, wie sie mir die Haare zurechtschneidet, so kann ich sie mir jetzt wahrhaftig nicht mehr im Salon vorstellen! Nein, diese Frau muss unbedingt draußen sein; am Hafen, mit einem Messer in der Hand, beim Netzflicken im Schuppen oder mitten im Brutgelände mit einem Sack voller Daunen.

In Arbeitskleidung und mit diesem glücklichen Lächeln im Gesicht. Ich bewundere den Mut dieser Frau, ihre Tatkraft und ihren Enthusiasmus. Dafür, dass sie die Courage hatte, eine Veränderung vorzunehmen. Etwas Neues und für eine Frau Ungewöhnliches zu wagen. Dass sie den altbekannten und sicheren Hafen hinter sich ließ und ihr Glück an einem unbekannten Ufer gesucht hat.

Autorin: Aldís Birna Björnsdóttir