Was ist eigentlich … Þorrablót?

Eine Tradition in Island der besonderen Art

Von Aldís Björnsdóttir

Als Isländerin bekommt man öfter die Frage gestellt, ob es nicht sehr schwierig sei, im Winter in Island zu leben. Es sei doch so dunkel, so kalt und so ungemütlich. Was die Menschen dann eigentlich machen würden? Ob man im isländischen Winter überhaupt irgendetwas unternehmen könne?

Ich muss gestehen, als ich diese Fragen das erste Mal gestellt bekommen habe, war ich etwas verblüfft! Dunkel, ja. Kalt, ja. Aber schwierig, ungemütlich und „nichts machen können“ – NEIN, so ist es überhaupt nicht! Klar, im Winter machen wir nicht unbedingt die gleichen Sachen wie im Sommer. Und manchmal (ja, okay, ziemlich oft ;-)) macht uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Aber dann planen wir einfach um, improvisieren und unternehmen eben das, was möglich ist.

Winter in Island: Schneelandschaft wie aus dem Bilderbuch
Winter in Island: Kalt? Ja. Ungemütlich? Nein!

Winter in Island: Gemeinsam in den Hot Pot und auf die Pisten

In den alten isländischen Schriften der Edda steht bei Hávamál geschrieben: „Maður er manns gaman“ – „Freude erlebt ein Mensch zusammen mit anderen“. Und so ist es ein bisschen bei uns im dunklen, kalten Winter: Man „trifft sich“! In den Hotpots der Schwimmbäder sitzen die Frühaufsteher und diskutieren im Halbdunkel über Politik und die Welt. In schneebedeckter Landschaft treffen sich die Sportlichen bei klirrender Kälte und fahren Ski. Am Küchentisch wird der neueste Klatsch und Tratsch bei einer gemütlichen Tasse Kaffee ausgetauscht, Freunde verabreden sich zum Konzert, und ganze Schulklassen besuchen gemeinsam das Theater.

Eine Versammlung gibt es allerdings, die für „Nicht-Isländer“ etwas außergewöhnlich erscheinen könnte. „Þorri“ hieß im alten nordischen Kalender der vierte Monat des Winters. Eine oft harte und beschwerliche Jahreszeit, die es zu überstehen galt. Laut heutigem Kalender fängt der „Þorri“ um den 20. Januar an, dann trifft man sich traditionell in Island und feiert gemeinsam „Þorrablót.“ Eigentlich bezeichnet „blót“ ein heidnisches Ritual mit Opfergaben für die großen Götter. Heutzutage hat „Þórrablót“, der dieses Jahr bis 23. Februar geht, aber wenig gemeinsam mit spirituellen Ritualen. Viel eher geht es darum, eine gewisse Tradition zu bewahren, die eigene Identität zu bestärken, die Gemeinschaft, die Geschichte und die gemeinsamen Wurzeln zu ehren.

Tanz, Trockenfisch und ganz viel Freude

Nachbarn, Freunde und ganze Großfamilien ziehen sich elegant an und treffen sich in Feierlaune in den jeweiligen Gemeindehäuser. Alle bringen schwer beladene Platten mit traditionellem isländischen Essen mit. Es gibt gekochte Schafsköpfe, sauer eingelegte Schafkopfsülze, Hoden vom Widder, „Hangikjöt“ (geräuchertes Lammfleisch), Trockenfisch, Blutwurst, fermentierten Hai, in Asche aufbewahrte Enteneier, Laufabrauð und natürlich Brennivín, den typischen isländischen Schnaps. Viele von diesen Gerichten werden im Alltag allerdings nur noch selten, gegessen.

Typisch isländische Speisen an Þórrablót, dem Mittwinter-Fest
Typisch isländisch: An Þórrablót werden unter anderem Schafskopf, Trockenfisch und „Hangikjöt“ (geräuchertes Lammfleisch) serviert.
Isländische Spezialität Laufabrauð („Laubbrot“)
Auch Laufabrauð, „Laubbrot“, wird an Þórrablót häufig aufgetischt.

Die Menschen setzen sich an lange Tische, essen, trinken und unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn. Zwischendurch steht man auf, hebt die Stimme und singt gemeinsam traditionelle isländische Lieder. Es gibt auch kurze Aufführungen und Sketche, in denen man sich über Menschen und lokale Ereignisse lustig macht. Dann wird mehr gegessen, wieder gesungen, gelacht, geredet und sich amüsiert. Wenn es so weit ist, dass keiner mehr essen kann, werden die Tische zur Seite geschoben, die Band baut ihre Instrumente auf und es wird bis zum frühen Morgen getanzt!

Auf der Insel im hohen Norden ist Þórrablót längst ein fester Bestandteil des isländischen Winters geworden. Das, zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftige, Essen und der Brennivín spielen bei diesem Winterfest eine unersetzbare und einzigartige Rolle. Vor allem geht es aber um die Gemeinschaft und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sogar „Weggezogene“ wie mich zieht es in dieser dunklen, kalten Jahreszeit immer wieder zurück. Zurück in die Heimat, wo meine Wurzeln liegen, wo meine Leute wohnen.

Ein isländischer Brauch über das, was am Ende zählt

Zusammen mit meinen Eltern, Geschwistern, Freunden und ehemaligen Nachbarn fahre ich nach Skjólbrekka, dem Gemeindehaus am See Mývatn in Nordisland. Ich esse geräuchertes Lammfleisch und Trockenfisch mit gesalzener Butter. Ich halte mir die Nase zu und schlucke tapfer Schnaps und Hai runter. Ich beobachte all die alten bekannten und glücklichen Gesichter. Höre mir Sketche an, die ich nicht mehr verstehe, weil ich einfach zu lange weg bin. Ich rede mit alten Freunden und all die Erinnerungen von früher kommen wieder hoch. Ich singe die alten Lieder und spüre, wie sich die Gänsehaut über meine Arme ausbreitet. Ich tanze mit meinem Vater und mit meinem älteren Bruder. Ich umarme meine sommersprossige Mutter, lache mit meinen Schwestern und mit meinem jüngeren Bruder, der bald zum ersten Mal Vater wird. Ich nehme die Kraft der Musik wahr, die Macht des Moments, spüre die Vergangenheit durch meine Adern fließen und wie tausend Gefühle meine Brust fast zum Explodieren bringen.

Gemeinsam feiern: An Þórrablót, dem isländischen Mittwinter-Fest, kommen Familien und Freunde zusammen.
Schick und gut gelaunt an Þórrablót: Autorin Aldís (links), ihre Schwestern und ihre Mutter.

Nein, es ist überhaupt nicht so, dass die Menschen in Island sich im Winter verkriechen und nur noch auf den Frühling und die Sonne warten! Der Winter ist einfach ein ganz natürlicher Teil des isländischen Lebens, und immer wieder gibt es berührende Ereignisse und schöne Begegnungen, die einem zeigen, was im Leben wirklich wichtig ist. Was am Ende zählt:

 

„Maður er manns gaman.“

„Freude erlebt ein Mensch zusammen mit anderen.“

Oder wie man so schön auf Deutsch sagt: ,,Zusammen ist es am schönsten.“

 

 

Text und Bilder: Aldís Björnsdóttir

 

 

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