Buchrezension „Blindes Eis“ von Ragnar Jónasson

„Auf der Fensterbank brannten zwei Kerzen und verbreiteten im Raum eine gemütliche Atmosphäre, während draußen der Sturm tobte. Regen hämmerte an die Scheiben, und der Wind drang durch die undichten Stellen der schlecht isolierten Fenster des alten Hauses.“

Krimi spielt im Norden von Island

Es gibt einige Stellen wie diese, mit denen Autor Ragnar Jónasson die Stimmung in der kleinen Stadt Siglufjörđur in Islands Norden beschreibt. Wegen eines Ebola-Falls wurde eine Quarantäne verhängt, und Polizist Ari ƥór Arason hat Zeit, sich mit einem mysteriösen Tod aus den Fünfzigerjahren zu befassen, der sich im abgelegene Fjord Héðinsfjörður ereignete. Zur Rechercheseite, aber nur per Telefon, steht ihm dabei die Journalistin Ísrún aus Reykjavík, die parallel an einem Fall von Kindesentführung und Mord arbeitet.

Aris Ermittlungen in die Vergangenheit gelingen Jónasson gut, er schafft es immer wieder, überraschende Wendungen einzubauen, vor allem, was die Geschichte im Norden betrifft. Natur, Wetterverhältnisse und das Kleinstadtleben auf der Halbinsel Tröllaskagi werden anschaulich und beeindruckend beschrieben.

Die Figuren sind stimmig und mehrdimensional, alle haben Ecken und Kanten, Jónasson macht es einem dadurch etwas schwerer, sich mit einer seiner Personen zu identifizieren.

Die Idee, sich mit einem alten Foto auf Spurensuche zu begeben, ist zwar nicht neu, trägt aber problemlos über alle 332 Seiten. Interessant sind auch die Schilderungen des harten Landlebens auf den einsamen Bauernhöfen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Island: Einsamkeit, schwere körperliche Arbeit, Isoliertheit, Depressionen und die langen Winter machen den Menschen zu schaffen und rufen eigentümliche Gruppendynamiken hervor.

Vielleicht ist „Thriller“ nicht die richtige Genrebezeichnung für das dritte Buch aus der Reihe „Dark Iceland“ von Ragnar Jónasson. Ein Thrill stellt sich selten ein, dazu fehlt vor allem der direkte Bezug des mysteriösen Todesfalles in die Gegenwart. Wir begleiten den Polizisten Ari in die dunkle Vergangenheit einer Familie und das beschert genügend gute Lesestunden.

Wer sich darüber hinaus für Siglufjörđur interessiert findet hier einen Café-Tipp.