Tag der isländischen Sprache: Interview mit Übersetzerin Anika Wolff

Am 16. November wird in Island zum 23. Mal der Dagur íslenskrar tungu begangen, der Tag der isländischen Sprache. Anika Wolff übersetzt für renommierte Verlage Autoren wie Arnaldur Indríðason, Guðrún Eva Mínervudóttir und Kristín Steinsdóttir ins Deutsche – und hat uns einige Fragen zu ihrer Arbeit und ihrer Liebe zur isländischen Sprache beantwortet.

Frau Wolff, hier in München gibt es ein isländisches Café, in dem Menschen regelmäßig beim Tippen des WLAN-Passwortes verzweifeln: Es lautet „Eyjafjallajökull“ – der Name des 2010 ausgebrochenen Vulkans, dessen Aussprache Nachrichtensprecher rund um den Globus zum Schwitzen gebracht hat. Isländisch gilt als sehr schwierige Sprache – wann und warum haben Sie beschlossen, sie zu lernen?

Das hat vor langer Zeit auf dem Rücken eines Islandpferds begonnen … Als „Pferdemädchen“ habe ich schon früh Fotos von Island gesehen und war so fasziniert von dieser Insel, dass ich nach dem Abi als Au-pair auf einen abgelegenen Hof im Norden Islands gegangen bin – eigentlich zum Reiten, aber de facto habe ich mehr Zeit im Kuhstall und auf dem Traktor verbracht als auf dem Pferderücken. 🙂 Ich hatte vorher mithilfe eines Lehrbuchs und einer Kassette angefangen, die Aussprache und ein paar Sätze Isländisch zu lernen. Und vor Ort haben mir die vielen Kinderbücher sehr geholfen, die ich den Kleinen immer wieder vorgelesen habe.  

Was finden Sie besonders faszinierend an der Sprache, die nur von sehr wenigen Menschen – rund 300.000 weltweit – gesprochen wird?

Da könnte ich vieles nennen, angefangen vom Alter der Sprache (die Isländer können noch heute ohne Probleme ihre alten Handschriften aus dem 12. und 13. Jahrhundert lesen), über den ungemeinen Wortreichtum auf gewissen Gebieten (z. B. rund um den Themenbereich Wetter und Niederschlag ist das Isländische weitaus einfallsreicher als das Deutsche), bis hin zur Tatsache, dass es doch gewisse Ähnlichkeiten zum Deutschen gibt. Wenn Freunde mich bitten, mal ein paar Sätze auf Isländisch zu sagen, sind sie oft erstaunt, dass sie doch einige Wörter wiedererkennen.

Isländisch lernen - das beginnt mit dem ABC.

Was hat Ihnen beim Lernen die meisten Schwierigkeiten bereitet bzw. was sind auch heute noch die größten Herausforderungen beim Übersetzen?

Das Schwierigste beim Übersetzen ist, wenn man ein Wort nicht versteht und es auch in den wenigen Wörterbüchern nicht zu finden ist. Aber zum Glück kenne ich viele junge und ältere Isländer, die mir dann weiterhelfen. Und auch mit den Autorinnen und Autoren stehe ich meist in regem Austausch und frage einfach nach, wenn mir etwas unklar ist.

Ansonsten ist und bleibt die Grammatik natürlich hochkomplex, da sich das Isländische seit vielen hundert Jahren nicht mehr wirklich verändert hat und im Gegensatz zu anderen skandinavischen Sprachen auch nicht vereinfacht wurde. Die Konjunktionen und Deklinationen zu lernen, hat mich schon sehr an den Lateinunterricht zu Schulzeiten erinnert – nur dass ich Latein nie sprechen musste …

Sie arbeiten als literarische Übersetzerin für renommierte deutsche Verlage, haben unter anderem Werke von Arnaldur Indríðason, Kristín Steinsdóttir und Yrsa Sigurðardóttir ins Deutsche übersetzt. Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf, welche Ausbildung haben Sie dafür absolviert?

Ich habe Literaturwissenschaft studiert, eigentlich mit dem Ziel, als Lektorin in einem Verlag zu arbeiten. Parallel dazu habe ich immer weiter Isländisch gelernt, ganz ohne berufliche Ambitionen, sondern nur für mich. Als Island dann 2011 Gastland der Frankfurter Buchmesse werden sollte, war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe viele Gutachten für Verlage geschrieben, die zum Messeschwerpunkt ein passendes Buch im Programm haben wollten. Und so bin ich auch an meinen ersten Übersetzungsauftrag gekommen.

Literaturübersetzer/in ist kein geschützter Beruf. Es gibt keine einheitliche Ausbildung, aber zum Glück den Deutschen Übersetzerfonds, der Fortbildungen zu allen denkbaren Themen rund ums literarische Übersetzen anbietet, an denen ich regelmäßig teilnehme.

Buchladen in Reykjavík
Isländische Literatur steht nicht erst seit der Buchmesse 2011 hoch im Kurs.

Haben Sie eine ganz persönliche Lieblingsautorin/einen ganz persönlichen Lieblingsautor aus Island, den Sie unseren LeserInnen gerne ans Herz legen würden?

Ich habe zwei Lieblingsautorinnen: Kristín Steinsdóttir und Guðrún Eva Mínervudóttir, die ich über die Jahre und die enge Zusammenarbeit sehr zu schätzen gelernt habe. Erstere schreibt wunderbar feinfühlig über Island früher, Letztere bewegt sich in einer sehr inspirierenden Gedankenwelt.

Was ist Ihre jüngste Übersetzung und an welchem Buch sitzen Sie aktuell?

Meine jüngste Übersetzung ist der Roman Unter Engeln von Guðrún Eva Mínervudóttir, der im Frühjahr bei btb erscheinen wird. Aktuell sitze ich am ersten Band einer ziemlich spannenden Krimitrilogie …

Reisen Sie – beruflich oder privat – regelmäßig nach Island? Haben Sie absolute Lieblingsorte dort?

Ich versuche, einmal im Jahr nach Island zu reisen, um die Buchhandlungen zu durchstöbern, Autoren zu treffen und mir die Schauplätze „meiner“ Bücher vor Ort anzusehen – was aber mit kleinen Kindern nicht immer so leicht zu organisieren ist. Neben Reykjavík bin ich gerne im Hörgárdalur, einem Tal bei Akureyri, in den Westfjorden oder auf der Insel Flatey. Aber es gibt auch für mich noch unendlich viel zu entdecken …

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Anika Wolff, geboren 1985 in Köln, lebt als Übersetzerin mit ihrer Familie bei Berlin. Aus dem Isländischen übersetzte sie u. a. Werke von Arnaldur Indríðason, Guðrún Eva Mínervudóttir, Guðmundur Óskarsson, Yrsa Sigurðardóttir und Kristín Steinsdóttir.

 

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